Welches Potenzial in AI-assisted Software Development steckt

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Was wird aus Softwarelösungen in Zeiten von KI? Eine wichtige Frage, denn AI-assisted Software Development hat das Potenzial geltende Regeln grundlegend zu verändern. Der Antwort auf diese Frage widmet sich die Ausgabe Tech Innovation der Finanz und Wirtschaft. Karl Rekeczki, Leiter Software Innovation und Mitglied der Geschäftsleitung der Inacta AG, sprach im Interview über die Möglichkeiten von AI-assisted Software Development.

Herr Rekeczki, die Aktien der traditionellen Softwareentwickler fallen. Killt KI die Softwarelösungen von gestern?

Karl Rekeczki: KI killt nicht die Software. Aber sie stellt eine Grundannahme in Frage, auf der die gesamte Branche seit dreissig Jahren basiert: dass massgeschneiderte Software teuer sein muss. Die Börse sendet dazu gerade ein unmissverständliches Signal: Der gesamte Softwaresektor erlebt den schwersten Ausverkauf seit Jahren. Selbst Unternehmen mit starkem Wachstum und soliden Quartalszahlen werden abgestraft. Nicht, weil ihre Ergebnisse schlecht wären, sondern weil der Markt ihr Geschäftsmodell grundsätzlich in Frage stellt.

Dahinter stecken drei Annahmen: KI-Agenten machen teure Abonnements überflüssig und brechen das klassische «Pay per Seat»-Modell auf; die Eintrittsbarriere für Softwareentwicklung sinkt dramatisch; und die KI-Investitionen etablierter Anbieter zahlen sich möglicherweise nicht schnell genug aus. Ich sehe das differenzierter. Es geht nicht nur um Disruption, es entsteht gleichzeitig etwas Neues. Wir sehen das bei unseren Kunden aus dem Finanz-, Versicherungs- und Gesundheitssektor sehr konkret: Prozesse, die zu nischig oder zu klein waren, um eine eigene Software zu rechtfertigen, werden jetzt digital abgebildet. Es entsteht ein komplett neues Marktsegment für Anwendungen, für die es bisher schlicht keine wirtschaftlich vertretbare Lösung gab.

Sie setzen auf Vibe Coding, das 2025 zum Schlagwort wurde. Wie funktioniert das?

Karl Rekeczki: Der Begriff wurde Anfang 2025 von Andrej Karpathy geprägt, dem ehemaligen KI-Chef von Tesla und früheren Forschungsleiter bei OpenAI. Er beschrieb damit das Gefühl, Software quasi im Dialog mit der KI entstehen zu lassen, man beschreibt in natürlicher Sprache, was man will, und die KI generiert den Code. Mit dem Begriff «Vibe Coding» bin ich ehrlich gesagt nicht ganz glücklich. Er klingt nach Spielerei, als würde man sich zurücklehnen und die KI machen lassen. Die Realität ist professioneller.

Vibe Coding macht Individualsoftware vom Luxusgut zum Normalfall.

Karl Rekeczki, Leiter Software Innovation der Inacta AG

Bei Inacta sprechen wir deshalb lieber von AI-assisted Software Development. Das beschreibt treffender, was tatsächlich passiert: Ein erfahrener Mensch steuert den Prozess, und die KI unterstützt bei der Umsetzung. Konkret arbeitet man mit KI-Assistenten wie Claude, Cursor oder GitHub Copilot und beschreibt das gewünschte Ergebnis im strukturierten Dialog: «Ich brauche ein Dashboard, das mir die wichtigsten KPIs in Echtzeit anzeigt, mit Ampellogik und Exportfunktion.» Die KI schlägt eine Architektur vor, schreibt den Code, testet ihn und iteriert auf Basis von Feedback. Es bleibt ein professioneller Entwicklungsprozess, nur mit radikal anderen Werkzeugen.

Codes entstehen schneller?

Karl Rekeczki: Absolut. Was sich verändert, ist nicht nur die Geschwindigkeit, sondern die gesamte Kostenstruktur von Softwareprojekten. Mit den aktuellen KI-Modellen entstehen funktionsfähige Prototypen in Tagen oder sogar Stunden. Konkret: Wir haben kürzlich eine komplexe Datenanalyse-Applikation, die klassisch drei bis vier Monate gebraucht hätte, in drei Wochen als funktionstüchtigen Prototypen realisiert. Die Investitionsschwelle für massgeschneiderte Software sinkt radikal. Projekte, die sich früher erst ab sechsstelligen Budgets gelohnt haben, werden jetzt für mittelgrosse Vorhaben wirtschaftlich. Wichtig dabei: Schneller heisst nicht unsorgfältiger. Qualitätssicherung, Architekturentscheidungen und Sicherheitsaspekte bleiben anspruchsvoll und brauchen erfahrene Menschen.

Die Kunden reagieren mit Staunen.

Karl Rekeczki, Leiter Software Innovation der Inacta AG

Welche Rolle spielt der Mensch?

Karl Rekeczki: Die entscheidende, und das ist der Punkt, den viele falsch verstehen. AI-assisted Development verschiebt die menschliche Kompetenz: weg von der technischen Umsetzung, hin zur strategischen Steuerung. Der Mensch wird zum Architekten und Regisseur. Er definiert, was gebaut wird, prüft die Ergebnisse und trägt die Verantwortung. Die besten Ergebnisse erzielt man, wenn tiefes Fachwissen auf die Fähigkeit trifft, mit KI effektiv zu kommunizieren. Ein Compliance-Experte, der genau weiss, welche regulatorischen Anforderungen eine Banking-Applikation erfüllen muss, kann in kürzester Zeit eine Lösung bauen, die ein reines Entwicklerteam ohne dieses Fachwissen nie so passgenau hinbekommen hätte.

Ich sage deshalb bewusst: AI-assisted Development entwertet Mitarbeitende nicht, es wertet Fachwissen auf. Branchenwissen und Prozessverständnis werden zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Das ist eine gute Nachricht für den Werkplatz Schweiz, wo genau diese Kompetenz vorhanden ist.

Wie beeinflussen Prompts und spezifisches Wissen den Erfolg?

Karl Rekeczki: Massgeblich. Die Qualität der KI-generierten Software hängt direkt davon ab, wie präzise man beschreibt, was man braucht. Wenn ein Unternehmen sein Fachwissen strukturiert einbringt, regulatorische Anforderungen, Branchenstandards, bestehende Prozesse, entstehen Lösungen von erstaunlicher Qualität.

Niemand kennt einen Prozess besser als die Person, die ihn jeden Tag lebt.

Karl Rekeczki, Leiter Software Innovation der Inacta AG

Gibt es Branchen, die besonders profitieren?

Karl Rekeczki: Kurz- bis mittelfristig sehen wir den grössten Impact in wissensintensiven Branchen: Finanzdienstleistungen, Gesundheitswesen, Versicherungen, aber auch industrielle Fertigung und Logistik, also genau das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft. Überall dort, wo spezifische Fachprozesse dazu führen, dass Standardsoftware zu generisch oder zu teuer anzupassen ist. Sobald Fachexperten verstehen, dass sie ihre Prozesse direkt in Software übersetzen können, entstehen Lösungen, auf die kein externes Entwicklerteam von alleine gekommen wäre, niemand kennt einen Prozess besser als die Person, die ihn jeden Tag lebt. Langfristig wird AI-assisted Development alle Branchen erfassen.

Wie sollten Unternehmen vorgehen?

Karl Rekeczki: Pragmatisch und schrittweise, aber auch ehrlich: Die meisten haben heute einen erheblichen Innovationsgap. Sie sehen die Möglichkeiten, haben aber weder die Erfahrung noch die Strukturen, um KI-gestützte Entwicklung produktiv einzusetzen. Genau diese Lücke zu schliessen, ist das, was uns bei Inacta antreibt. Aus unserer Erfahrung bewährt sich ein dreistufiger Ansatz: Starten Sie mit einem konkreten Use Case, nicht mit einer grossen Strategie. Das schafft sichtbare Ergebnisse und Vertrauen in die Technologie. Identifizieren Sie ein spezifisches Problem, das heute mit manuellen Prozessen oder unzureichender Software gelöst wird, und bauen Sie dafür einen Prototypen.

Investieren Sie in «AI Fluency» Ihrer Mitarbeitenden, die Fähigkeit, Anforderungen präzise zu formulieren und KI-Ergebnisse kritisch zu beurteilen, ist die Schlüsselkompetenz der nächsten Dekade. Und bauen Sie eine sichere Infrastruktur auf: KI-gestützte Entwicklung mit sensiblen Unternehmensdaten erfordert klare Governance-Regeln und definierte Qualitätsstandards. Ohne dieses Fundament bleibt es bei Experimenten, mit ihm wird es zum strategischen Wettbewerbsvorteil.

Wie reagieren Ihre Kunden?

Karl Rekeczki: Mit Staunen, und dann sehr schnell mit konkreten Ideen. Sobald Entscheider verstehen, wie stark die Kosten für Individualsoftware gesunken sind, sehen sie plötzlich Probleme, die sie jahrelang als «zu klein für eine Softwarelösung » abgehakt hatten: Der Qualitätsprüfungsprozess auf Excel-Listen. Das Reporting, das ein Mitarbeiter jeden Freitag manuell erstellt. Die Schnittstelle zwischen zwei Systemen, die nie jemand gebaut hat, weil der Business Case fehlte. Plötzlich ist er da. Das ist die eigentliche Revolution: Nicht dass grosse ERP-Systeme ersetzt werden, sondern dass tausende kleine Einsatzgebiete erstmals eine digitale Lösung bekommen. Individualsoftware wird vom Luxusgut zum Normalfall.

Zwischen Erkenntnis und Umsetzung klafft aber noch eine grosse Lücke, es fehlt an Methodik, Architekturkompetenz und Erfahrung. Genau dort sehen wir unsere Rolle: diesen Innovationsgap zu schliessen. Zwischen «gar keine Software» und «teures Enterprise-System» gab es bisher fast nichts. Dieses Vakuum füllt sich jetzt, und die Unternehmen, die das früh erkennen und handeln, werden einen Vorsprung haben, den andere kaum noch aufholen können.

Über Inacta

Seit 2009 ist die Inacta AG Ihr vertrauensvoller Partner für digitale Transformation und innovative AI-Lösungen in der Schweiz. Wir sind ein unabhängiges Schweizer IT-Beratungsunternehmen mit Sitz in Zug und über 100 Mitarbeitenden. Unser Fokus liegt auf Vertrauen, Transparenz, Effizienz und langfristigem Erfolg, während wir Kunden aus den Branchen Banken, Versicherungen sowie dem Gesundheitswesen unterstützen. Mit umfassender Beratung, massgeschneiderter Entwicklung, nahtloser Integration und sorgenfreiem Betrieb von hochwertigen Applikationen setzen wir dabei besonderen Wert auf höchste Standards in Sicherheit und Datenschutz.

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