Tokenisierung – eine grosse Chance für den Schweizer Finanzplatz

1. Dezember 2019

Digitale Wertpapiere – in Form von Token – erschliessen effizient bestehende sowie neue Assetklassen für internationale und lokale Märkte. Die Zuger inacta AG macht genau das mit ihrer Plattform Tokengate möglich – und zwar auf der Blockchain.

Daniel Rutishauser (l.), CEO, DSENT & Head of Blockchain, inacta, Ralf Glabischnig, Gründer und Managing Partner, inacta

Warum ist Tokenisierung wichtig für die Schweizer Finanzindustrie?

Ralf Glabischnig: Durch Tokenisierung wird es möglich, brachliegende Vermögenswerte zu aktivieren, sie kosteneffizient in digitale Wertpapiere zu wandeln und zu handeln. Mit diesem neuen Geschäftsfeld ergibt sich für den Schweizer Finanzplatz eine Riesenchance, verlorenes Terrain, wie etwa das des Fonds-Geschäfts, wieder gutzumachen. Denn durch die Tokenisierung entsteht potenziell ein Trilliarden-Dollar-Markt an digitalen Assets. Wo, wenn nicht in der Schweiz, sollte man diese digitalen Assets herausgeben und aufbewahren? Vor allem, wenn man bedenkt, dass in der Schweiz zusammen mit Liechtenstein, dem sogenannten Crypto Valley, sich über 800 Organisationen mit Blockchain und Crypto-Assets beschäftigen und einer der grössten Hubs in diesem Bereich überhaupt ist.

Wie genau funktioniert das?

Daniel Rutishauser: Bei der «Tokenisierung» wird von einem Asset eine digitalisierte Version erstellt, wodurch ein Asset, etwa eine Immobilie, viel feingestückelter aufgeteilt werden kann. Diese kleinen digitalen Stücke werden Token genannt. Auf der Blockchain können dann mittels kryptographischer Verfahren Transaktionen sicher durchgeführt werden, ohne dass es zentrale Instanzen braucht, welche die Abwicklung bewerkstelligen. Bei der Emission eines Crypto-Assets wird in Anlehnung an den etablierten Kapitalmarkt dann auch nicht mehr von einem Initial Public Offering (IPO), sondern von sogenannten Initial Coin Offering (ICO) gesprochen, bei digitalen Wertpapieren oft auch von Security Token Offerings (STO).

Und Tokengate kann das leisten?

Rutishauser: Genau. Tokengate stellt eine Tokenisierungsplattform zur Verfügung, auf der Unternehmen und Investoren zusammenfinden, daher auch unser Motto «Connecting People and Tokens». Die Idee dabei ist, dass etwa auch Kleininvestoren sich an einem KMU z.B. in ihrer Nähe beteiligen und dabei eine bessere Rendite erzielen können, als wenn sie ihr Geld auf der Bank lagern würden. Das ist natürlich insbesondere im aktuellen Minuszins-Umfeld interessant. KMUs auf der anderen Seite können sich an einem neuen Kapitalmarkt refinanzieren und Kapital aufnehmen, was bisher so nicht möglich gewesen ist.

Glabischnig: Wir gehen davon aus, dass in Zukunft mehr Liquidität in den KMU-Markt fliessen wird, und glauben, dass sich der Kapitalmarkt in Richtung KMU verschiebt. KMU haben heute wenig Möglichkeiten, am bestehenden Kapitalmarkt Geld aufzunehmen.

Warum ist das so?

Glabischnig: Der Hintergrund ist Folgender: Investoren bewerten die Risiken gewichtet zur möglichen Performance als zu hoch, und obwohl Kapital vorhanden wäre, wird dann oft nur zaghaft, wenn überhaupt, investiert. Das hat zur Folge, dass Kapital für Investitionen, die Arbeitsplätze sichern, nicht einfach zu bekommen ist. Gerade KMU, die von Banken wenn überhaupt oft nur noch unter prohibitiven Bedingungen Kredite erhalten, wären froh, wenn sie Zugang zu einem Kapitalmarkt hätten. Dieser war ihnen bis anhin verwehrt, da der Kapitalmarkt in vielerlei Hinsicht auf deutlich grössere Firmen zugeschnitten ist. Das ändern wir mit Tokengate und erschliessen mit dem KMU-Markt für Kleinanleger eine Anlageklasse, die für sie attraktiver ist als die bestehenden Angebote. Wenn unser Konzept aufgeht, entsteht so ein neuer Kapitalmarkt mit solider Performance bei überschaubarem Risiko. Durch die tieferen Kosten als bei bisherigen Finanzprodukten, beispielsweise bei der Aufbewahrung, können Kleinanleger ihr Portfolio mindestens genauso breit diversifizieren, wie es bisher nur in Anlagefonds möglich war. Früher oder später werden aber auch Grossunternehmen, die durchaus jetzt schon Zugang zum Kapitalmarkt haben, von den günstigeren Kosten profitieren wollen und einen Teil ihrer Aktivitäten mittels Token abwickeln.

Rutishauser: Wir denken aber noch weiter. Anleger könnten etwa auch einem Bauern in Afrika einen Mikrokredit gewähren. Sogar das lässt sich mit Crypto-Assets abbilden, da die kleine Stückelung der Kredite relativ günstig herausgegeben werden kann und die Transaktionskosten sehr tief sind.

Klingt nach einem Paradigmenwechsel.

Glabischnig: Ja, das ist es auch. Und, dass die Finanzindustrie an einem Wendepunkt steht, haben die alteingesessenen Geldhäuser auch bemerkt. Mit der Erteilung von Banklizenzen an die Kryptobanken Seba und Sygnum hat die Kryptobewegung deutlich an Momentum gewonnen. Auf einmal sprechen nun auch die traditionellen Banker von «Tokenization», und es gibt ernsthafte Ankündigungen von grossen Banken.

Wie können Banken auf den «Tokenisierungs-Zug» aufspringen?

Rutishauser: Mit Tokengate ermöglichen wir Banken und Vermögensverwaltern Zugang zur Token-Ökonomie, und zwar auf einer vertrauenswürdigen Marktinfrastruktur, welche die regulatorischen Bedürfnisse berücksichtigt. Während dem ICO-Wettlauf 2017 schien uns eine solche seriöse Plattform ein nötiger Schritt. Einerseits um das Vertrauen in die Krypto-Welt zu fördern, und andererseits, den traditionellen Investoren den Weg zu bahnen, Investitionen zu tätigen. Wir decken die gesamte Wertschöpfungskette ab: vom Design des Finanzinstruments mit unserem Crypto Asset Tool (CAT), über die Emission bis hin zur Anbindung an den Sekundärmarkt – sei es OTC oder an andere Handelsplätze. Mit unserem CAT können Banker und Vermögensverwalter Finanzprodukte Tool-gestützt kreieren und die Token generieren, was das Design des Finanzproduktes erheblich vereinfacht.

Welche Möglichkeiten bietet die Tokenisierung von Assets sonst noch?

Glabischnig: Tokenisierte Assets sind programmierbar. So kann etwa eine automatisierte Ausschüttung von Dividenden ermöglicht werden. Wir denken, dass damit auch neue Geschäftsmodelle entstehen.

Rutishauser: Dafür müssen aber noch einige Rahmenbedingungen entsprechend ausgestaltet werden. In der Schweiz gibt es etwa die Herausforderung mit der 35-Prozent-Abgabe der Verrechnungssteuer, die Investoren auf Kapitalerträgen entrichten müssen. Das benachteiligt insbesondere Investoren aus dem Ausland, die im Gegensatz zu in der Schweiz Domizilierten, die Steuer nicht in der Steuererklärung zurückfordern können. Wir hoffen, dass wir hier schnell Lösungen finden, damit der Handel mit Crypto-Assets nicht ins Ausland abwandert, wegen der 35% tieferen Performance im Vergleich mit im Ausland emittierten Assets.

Wie gross ist der Markt für tokenisierte Assets?

Glabischnig: Konservative Prognosen gehen davon aus, dass bis ins Jahr 2027 zehn Prozent der globalen Wirtschaftsleistung über «Distributed-Ledger-Technologien» (DLT), was die Technologie hinter Blockchain ist, abgewickelt werden.

Rutishauser: Wir sehen jetzt schon die ersten Token-Ökonomien entstehen, in denen intermediäre Funktionen wie etwa ein Clearing-Haus durch DLT ersetzt wird. Die Token sind dabei das digitale Schmiermittel, welches die neuen Ökosyteme am Laufen hält. Mit der kleinen Stückelung und kosteneffizienten Transaktionen unterstützen Crypto-Assets im Speziellen lokale Wertschöpfungsketten, was dem Anspruch an lokaler Produktion, Nachhaltigkeit sowie Klimaneutralität ein starkes Mittel in die Hand gibt. Nun müssen wir in der Schweiz für Rahmenbedingungen sorgen, welche die Blockchain-Ökonomie fördern und nicht ausbremsen, dann haben wir die Chance, die Schweiz zum Krypto-Hub oder zum Tokenisierungs-Hub zu machen.

Artikel auf netzwoche.ch vom 01.12.2019: https://www.netzwoche.ch/news/2019-12-01/tokenisierung-eine-grosse-chance-fuer-den-schweizer-finanzplatz

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