Markus Fischer, Head Business Development inacta, im Interview

28. Juni 2017

Moneycab: Herr Fischer, Sie sind seit kurzem bei inacta für das Business Development zuständig. Welche Initiativen und Projekte haben die höchste Priorität, wo wollen Sie gezielt investieren?

Markus Fischer: Die beiden inacta-Gründer kenne ich bereits einige Zeit und als sie mir ihre Vision und Strategie im Detail aufzeigten, war ich sofort begeistert. Seit der Gründung im 2009 ist inacta auf 40 Digitalisierungs-Experten gewachsen und hat sich als kompetentes IT-Beratungsunternehmen einen Namen gemacht.

„Das produktneutrale Consulting steht in unserem Geschäftsmodell im Vordergrund und wird immer den grössten Anteil ausmachen.“ Markus Fischer, Head Business Development inacta

Wir legen den Fokus unserer Investitionen auf drei strategische Bereiche: Einer der Foki setzen wir in unserem Kerngeschäft – in der Optimierung und Digitalisierung der bestehenden Geschäftsprozesse. Diesen Vorgang nennen wir in unserem Leistungsangebot «improve»: Ein hoher Automatisierungsgrad und die Vermeidung von Medienbrüchen ermöglicht es unseren Kunden, ihr heutiges Geschäft noch effizienter abzuwickeln, zum Beispiel, indem ein digitaler Posteingang die eingehenden Bestellungen oder Verträge intelligent und automatisch an das prozessführende Kernsystem weiterleitet.

Und wir investieren in innovative, neue Themen für unser Leistungsangebot «innovate». Aktuellste Technologien wie Blockchain, Internet of Things IoT oder Big Data Analytics ermöglichen es unseren Kunden, die heutigen Geschäftsprozesse neu zu denken und sich für die digitale Transformation zu wappnen. Dabei begleiten wir die Kunden in der Evaluation von Technologien, setzen entsprechende Business Cases um und unterstützen sie bei strategischen Investitionen in Tech-Unternehmen. Nicht zuletzt aus diesem Grund initiierten wir die blockchain competition – den mit 100’000 US$ weltweit höchstdotierte Wettbewerb für InsurTech-Ideen.

Last but not least bauen wir das bestehende Entwicklungsteam mit Blockchain- und Data Analytics-Spezialisten aus. Bereits heute bietet inacta Softwaremodule an, welche sich nahtlos in die bestehenden Kernanwendungen des Kunden integrieren. Damit helfen wir unseren Kunden, ihre Geschäftsprozesse und Kommunikationskanäle ohne Medienbrüche zu digitalisieren, zum Beispiel mit dem elektronischem Postkorb, dem E-Mail Management-Modul oder dem elektronische Dossier. Kurz vor dem Launch steht eine Dokument-Verifikationslösung auf Basis der Ethereum Blockchain und Smart Contracts.

Inacta bietet eine breite Palette von Dienstleistungen wie Consulting und eigenen Softwareprodukte an. Wie soll in Zukunft die Mischung aussehen, welche Bereiche sollen welchen Anteil am Gesamtgeschäft haben?

Das produktneutrale Consulting steht in unserem Geschäftsmodell im Vordergrund und wird immer den grössten Anteil ausmachen. Aufgrund des hohen Bedarfs an den oben erwähnten eigenen Softwarelösungen zur schnelleren Optimierung der Geschäftsprozesse gehe ich davon aus, dass dieser Bereich in den nächsten Jahren bis zu einem Drittel unseres Gesamtumsatzes ausmachen wird. Die digitale Transformation und im speziellen die neuen Interaktionsmöglichkeiten und gezielte Nutzung von internen und externen Daten bieten enorme Chancen für unsere Kunden und müssen technisch sowie organisatorisch integriert werden.

Ein wichtiges Segment bei inacta sind Versicherungsinstitute. Analog zu den Fintechs haben hier die Insurtechs Themen gefunden, bei denen sie mit relativ einfachen Lösungen sich als Vermittler zwischen Kunden und Versicherungen schieben. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung, wie sollen sich Versicherer verhalten?

Die entscheidende Frage ist, welche Player zukünftig den Endkundenkontakt haben werden. Denn diejenige Plattform, welche die Kundeninteraktion beherrscht, also alle traditionellen und die neuen mobilen Kommunikationskanäle wie Social Media, Chats, Robo-Advisors oder Portale und deren zugrunde liegenden Prozesse bedient, gibt den Takt an.

Aus Sicht des Konsumenten sind die meisten Finanzprodukte sogenannte «low interest products», also Produkte ohne echten emotionalen Wert. Darum will er Bank- und Versicherungsgeschäfte schnell, unkompliziert und mobil erledigen. Vieles spricht dabei für die bisherigen Marktakteure – sofern es Ihnen gelingt, die FinTechs und InsurTechs in ihr Eco-System respektive in die Wertschöpfungskette einzubinden.

Gerade als Kunde bin ich erstaunt, wie viele Medienbrüche es in der Kommunikation mit den Versicherungsunternehmen noch gibt. Weshalb ist die Digitalisierung hier noch nicht weiter, welche Entwicklungen bringen hier eine Verbesserung?

In der Tat sind Medienbrüche heute immer noch vorhanden. Ein wichtiger Grund ist, dass bei den Versicherern für das Bereitstellen von digitalen Kundenservices in der Vergangenheit schlicht die Ressourcen fehlte. Diese waren weitgehend für den Unterhalt der teilweise sehr alten Legacy-Systeme und parallel zu derer Erneuerung sowie für Basisinfrastruktur-Themen blockiert. Diese Vorhaben sind nun weitgehend abgeschlossen und die Versicherungsinstitute können sich vermehrt auf die Digitalisierung der Kommunikationsprozesse fokussieren.

„Als weiteren Umstand für die Medienbrüche erachte ich die fehlende rechtsgültige elektronische Signatur.“

Im In- und Output-Management, also im Informationsaustausch zwischen Kunden, Partnern und Mitarbeitenden, sind eine Vielzahl von Vorhaben in der Umsetzung oder deren Start in Planung. Als weiteren Umstand für die Medienbrüche erachte ich die fehlende rechtsgültige elektronische Signatur, was insbesondere im Privatkundengeschäft die Digitalisierung verzögerte. Das Bundesgesetz über die elektronische Signatur (ZertES), welches letztes Jahr revidiert wurde und per 1.1.2017 in Kraft getreten ist, ermöglicht nun die Reduzierung der Medienbrüche an der Kundenschnittstelle und erhöht hoffentlich das Vertrauen der Versicherten.

Unternehmen, die sich auf allen Kanälen wie eigener Webseite, Sozialen Medien, Magazinen, Ausstellungen etc. präsentieren, kommen immer mehr unter Druck, die Informationen von all diesen Kanälen wieder sinnvoll zu bündeln und zu bearbeiten. Wie sollen vor allem KMU sich in dieser steigenden Informationskomplexität noch zurechtfinden?

Die heutige Realität der elektronischen Kommunikation über E-Mail, Social Media und Chats stellt alle Unternehmen vor grosse technische und organisatorische Herausforderungen. Die Abläufe müssen umgestellt, die IT-Systeme angepasst und Apps für Smartphones und Tablets zur Verfügung gestellt werden. Der frühere briefliche Posteingang hat sich mit einer Vielzahl von Kommunikationskanälen erweitert. Mit der den bereits erwähnten inacta Softwarelösungen vereinfachen unsere Kunden diese Prozesse, indem Informationen aus verschiedenen Kanälen elektronisch an die richtige Stelle zur Weiterbearbeitung weitergeleitet werden.

Zum Beispiel können ein- und ausgehende E-Mails inkl. Anhänge zeitnah in die prozessführenden IT-Systeme eingespiesen oder regelkonform direkt aus dem Outlook archiviert werden. Die 360°-Sicht des elektronischen Dossiers ermöglicht den Sachbearbeitern, Kundenanfragen effizienter zu beantworten. Zudem wird damit die Compliance-Anforderungen zur Nachvollziehbarkeit bis zur Archivierung sichergestellt. Einer unserer Partner, die Schweizer Post, setzt die inacta Softwarelösungen bereits heute bei seinen Grosskunden ein und für die KMU-Kunden laufen Pilotprojekte. Das wird den kleinen und mittleren Unternehmen helfen, die von Ihnen erwähnte Informationskomplexität zu reduzieren.

Cloudlösungen haben Hochkonjunktur, immer mehr Kunden ergreifen die Chance, sich von wenig flexiblen oder veralteten eigenen Installationen zu verabschieden. Wie sehen Ihre Erfahrungen aus bezüglich der Einlösung von Versprechen wie “höhere Flexibilität und Geschwindigkeit bei tieferen Kosten”?

Wir bieten unsere Lösungen auch als Cloud Services mit Datenhaltung in der Schweiz an. So sammeln wir eigene Erfahrungen, um bei unseren Kunden die Themen IT- und Business Process Outsourcing sowie Cloud Computing zu beleuchten. Neben Kosteneinsparungen, Skalierbarkeit und Reduktion der Kapitalbindung möchten unsere Kunden damit schneller auf Marktbedürfnisse reagieren.

„Auf dem Weg in die Cloud sind einige Herausforderungen bezüglich Security und Compliance zu meistern.“

Erste Schritte in der Cloud macht man oftmals mit hybriden Lösungen, also zum Beispiel die Kernapplikation on premise und Frontend-Apps in der Cloud. Auf dem Weg in die Cloud sind einige Herausforderungen bezüglich Security und Compliance zu meistern. Die Technologien und Tools sind heute jedoch als Commodity verfügbar, insofern kann dieses von Ihnen erwähnte Versprechen schon eingelöst werden. Es bedingt jedoch auf Management-Ebene den Willen, sich von der eigenen IT-Infrastruktur zu lösen und ein Verständnis für Cloud-Technologien aufzubauen. Für mich ist klar: Der Cloud gehört die Zukunft.

Vor allem kleine und mittlere Finanzinstitute können die Geschwindigkeit der regulatorischen und technischen Entwicklungen kaum noch mithalten und wenden sich vermehrt “as a Service”- und Outsourcing-Angeboten zu. Wo werden solche Unternehmen in Zukunft noch wettbewerbsfähig sein, welche Kompetenzen werden sie noch selbst haben?

Ich glaube, dass die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit weniger von der Grösse abhängt, sondern vielmehr von der Fähigkeit, schnell auf veränderte Kundenanforderungen zu reagieren und entsprechende Produkte anzubieten. Diejenigen Unternehmen – egal wie gross – welche sich organisatorisch agil aufstellen und aus ihren Daten Erkenntnisse für digitale Angebote gewinnen, werden sich von den Mittbewerbern differenzieren.

Die Generation Y, also die heutigen Konsumenten und Entscheider ab Jahrgang 1980, haben einen hohen Anspruch an die Finanzinstitute. Sie erwarten Online-Services und Smartphone-Apps, wie sie sich dies von eCommerce-Shops oder Social Media-Anwendungen gewohnt sind. Das Finanzgeschäft zu verstehen bildet weiterhin eine wichtige Kompetenz für die Wettbewerbsfähigkeit, aber immer wichtiger werden analytische Fähigkeiten für die Nutzung der Daten (Big Data), Omni-Kanalfähigkeiten und die Etablierung einer innovationsfreundlichen Kultur.

Die schnell stattfindende Digitalisierung erfordert auch neue Ausbildungen und Fähigkeiten. Wie sieht hier die Zukunft des Schweizer Arbeitsmarktes aus, der schon in der Vergangenheit Mühe hatte, genügend qualifizierte IT-Fachkräfte auszubilden?

Auf der Tertiärstufe des Schweizer Bildungssystems – also im Bereich der höheren Berufsbildung und der Hochschulen – bestehen bereits eine Vielzahl von Weiterbildungsmöglichkeiten für die Digitalisierung und es werden laufend weitere bereitgestellt.

Den Engpass sehe ich in der Sekundarstufe und bei den Maturitätsschulen. Aus eigener Erfahrung mit meinen Kindern stelle ich fest, dass dort der Informatik einen zu geringen Stellenwert beigemessen wird. Es fehlt oft an Kompetenzen bei den Lehrpersonen und an geeigneten Lehrmitteln. Positiv werte ich die kommende Vernehmlassung der Gymnasialrektoren zur Frage, ob Informatik ein Pflichtfach werden soll. Auch der am 21. November 2017 stattfindende, von der nationalen Initiative digitalswitzerland organisierte und von der Wirtschaft und vom Bundesrat unterstützte landesweite «Digitaltag» erachte ich als eine hervorragende Idee, die Öffentlichkeit für die Digitalisierung zu sensibilisieren.

Welches sind für Sie die Entwicklungen mit dem grössten Potenzial, inacta in den kommenden Jahren fundamental zu beeinflussen?

Als finanziell unabhängiges Unternehmen mit einem kompetenten Team, kurzen Entscheidungswegen und einer zufriedenen Kundenbasis sind wir sehr gut aufgestellt. Das heutige Geschäft mit der Digitalisierung von Geschäftsprozessen bleibt ein wichtiges Standbein. Wir entwickeln uns jedoch kontinuierlich weiter.

Ich denke, dass die Vernetzung mit Business- und Technologie-Ecosystemen immer wichtiger wird. Darum waren wir bei der Gründung der Crypto Valley Association (www.cryptovalley.swiss) mit dabei und arbeiten eng mit Startups zusammen. Dieses Beziehungsnetz eröffnet spannende Perspektiven, sei es für die Kundengewinnung in weiteren Märkten oder für die Entwicklung innovativer Kundenlösungen. Unsere ersten erfolgreichen BigData-Vorhaben und Realisierungen von Blockchain-Schnittstellen zeugen von diesem Potential. Das inacta-Team wird also auch zukünftig einen wichtigen Beitrag zum Erfolg unserer Kunden leisten.

Zum Schluss des Gespräches haben Sie noch zwei Wünsche frei, welche sind das?

Der erste Wunsch betrifft meine beiden Kinder. Ich hoffe, dass es ihnen gelingt, einen für sie spannenden und gleichzeitig zukunftsträchtigen Beruf zu erlernen und dass sie weiterhin gesund und lebensfroh bleiben.

In geschäftlicher Hinsicht wünsche ich mir, dass sich der Wirtschaftsstandort Schweiz weltweit als digitales Technologiezentrum und umfassendes Ecosystem erfolgreich positionieren kann. Das Crypto Valley erachte ich als wegweisende Initiative. Die Chancen sind enorm, wir müssen sie nur packen!

Der Gesprächspartner:
Markus Fischer (50) verantwortet als Head Business Development die Geschäfts- und Produktentwicklung der inacta AG. Als ehemaliger CEO der Zeit AG, Geschäftsleitungsmitglied der Soreco AG und Country Manager Schweiz der Axon Ivy AG verfügt Markus Fischer über langjährige Erfahrung im Aufbau und in der Weiterentwicklung von IT-Unternehmen. Der Betriebsökonom HWV war zudem einige Jahre Mitglied nationaler Digitalisierungs-Gremien und prägte entsprechende Branchenstandards mit.

Das Unternehmen:
Die inacta AG ist ein unabhängiges Schweizer IT-Beratungsunternehmen mit Sitz in Zug. Über 40 erfahrene Digitalisierungsexperten unterstützen Organisationen aus der Versicherungs-, Banken und Gesundheitsbranche. Angepasst an den individuellen Reifegrad profitieren inacta-Kunden von erprobten Methoden, innovativen Lösungen, hoher Fachkompetenz und dem Einsatz von modernster Technologien für die digitale Transformation. Verbindliche und vertrauensvolle Zusammenarbeit, hohe Flexibilität sowie umfassende Branchenexpertise sichern eine erfolgreiche Projektrealisierung. inacta engagiert sich als Gründungsmitglied der Crypto Valley Association und als Initiant der Blockchain Competition für die Förderung von Technologie-Startups. Damit leistet inacta einen gesellschaftlichen Beitrag zum Wirtschaftsstandort Schweiz. 

Die Lakeside Partners AG (Early-Stage Investments in Technologie-Startups) und die Lakeside Business Center AG (moderne Office-Infrastruktur) bilden  gemeinsam mit inacta AG eine innovative Unternehmensgruppe.

 

Quelle: https://www.moneycab.com/2017/06/28/markus-fischer-head-business-development-inacta-im-interview/

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