Blockchain in der Schweiz: Sie wollen die Spitzenposition ausbauen

30. December 2017

Die Bundesräte Schneider-Ammann und Maurer lancieren eine Taskforce zur Blockchain-Technologie.

Unerhörte Kursgewinne, heftige Kursschwankungen und eine erhebliche Portion Unsicherheit: Seit Wochen hält die Entwicklung rund um Bitcoin die Wirtschaftswelt in Atem. Allerdings ist die digitale Währung nur eine - und zurzeit wohl die umstrittenste - Anwendung von sehr vielen verschiedenen Möglichkeiten, welche die ihr zugrunde liegende Blockchain- und Krypto-Technologie bietet: Experten glauben, dass dank Blockchain der nächste grosse Entwicklungsschritt in der Digitalisierung bevorsteht, vergleichbar mit der Erfindung des Internets.

Allerdings, und hier kommt jetzt unser Land ins Spiel, mit einem bemerkenswerten Unterschied: Diesmal geht die Post nicht im Silicon Valley ab, sondern in der Schweiz. Konkret in der Region zwischen Zug und Zürich, die sich bereits selbstbewusst als «Crypto Valley» bezeichnet. «Geht es um Blockchain, dann reisen Entwickler, Investoren und Unternehmer nicht mehr aus der Schweiz ins Silicon Valley. Im Gegenteil: Man kommt aus Kalifornien zu uns ins Crypto Valley, um zu sehen, wohin die Entwicklung geht», sagt der Zuger Volkswirtschaftsdirektor Matthias Michel (fdp.).

Föderalismus als Trumpf

Dies berichtet auch Mathias Ruch von den Lakeside Partners, die als Investoren Blockchain-Startups in Zug unterstützen. 2016 habe ein regelrechter Gründer-Boom eingesetzt, der sich in diesem Jahr akzentuiert habe: «Es hat sich bei uns ein Ökosystem gebildet, mit Blockchain-Experten, spezialisierten Anwälten, Investoren und Dienstleistern, die hier ihre Ideen entwickeln.» Zeitweise seien pro Woche bis zu 100 Anfragen für Firmengründungen bei ihm eingetroffen.

Ruch nennt folgende Gründe für den Boom: Schon früh, im Jahr 2013, hätten sich Blockchain-Pioniere in Zug angesiedelt, diese hätten Gleichgesinnte angezogen. Hinzu komme die Offenheit der Behörden gegenüber der neuen, vielen noch unbekannten Technologie sowie die Verfügbarkeit gut ausgebildeter Talente. Und nicht zuletzt eine grundsätzliche Sympathie der Szene für die Schweiz: «In der Blockchain-Community gibt es viele Idealisten», sagt Ruch: «Und weil Blockchain ein dezentrales Konzept ist, fühlen sich diese in unserem föderalistischen Land wohl.»

Die Schweiz sei deshalb derzeit der weltweit führende Standort, das zeige sich auch an den Investitionen, sagt Ruch: Rund die Hälfte der Initial Coin Offerings (ICO), der auf Kryptowährungen beruhenden Finanzierung von Startups, sei 2017 ins Crypto Valley geflossen. Laut verschiedenen Quellen handelt es sich per Ende September um einen Betrag von bis zu zwei Milliarden Franken weltweit, für die Schweiz also um rund eine Milliarde.

Die Entwicklung ist auch den Behörden in Bern nicht verborgen geblieben. Bereits in den letzten Monaten statteten sowohl Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann als auch Finanzminister Ueli Maurer der Blockchain-Szene in Zug einen Besuch ab. Nun lancieren sie zusammen mit mehreren Regierungsräten aus Zug und Zürich, unter ihnen Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker-Späh, eine breit aufgestellte, privat organisierte «Taskforce Blockchain».

Aus der Politik ist unter anderen FDP-Fraktionschef Beat Walti dabei. Vertreten sind weiter die ETH Zürich und die EPF Lausanne sowie Exponenten der Wirtschaft. «Die Taskforce ist so zusammengestellt, dass alle Bereiche von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik bis Startup-Branche und Kapitalgeber vertreten sind», sagt Lorenz Furrer von der Agentur Furrer/Hugi, der mit Ruch das Projekt leitet.

Ueli Maurer hat im Dezember im Parlament angekündigt, eine Arbeitsgruppe im Bereich ICO und Blockchain einzusetzen. Er erachte es deshalb nun «als sinnvoll, die Synergie mit einer privat organisierten Taskforce zu nutzen», begründet sein Departement das Engagement. Zudem sei Maurer überzeugt, «dass der Austausch zwischen den zuständigen Behörden und der Branche in diesem sich rasch entwickelnden und teilweise volatilen Bereich von grosser Wichtigkeit ist».

Viele rechtliche Fragen

Schneider-Ammann hält derweil fest, Blockchain werde «als Technologie für viele Wirtschaftszweige, nicht nur Crypto Finance, immer wichtiger». Gefragt sei eine liberale Regulierung, «welche dem Standort Schweiz Chancen eröffnet und gleichzeitig Risiken mindert». Die Wirtschaftsakteure seien auch beim Einsatz der Blockchain-Technologie auf Rechtssicherheit angewiesen. Er begrüsse es daher, wenn sie sich in diese Debatte einbrächten.

Doch welche Aufgaben stellen sich der Taskforce konkret? «Wöchentlich, mitunter täglich landen bei mir Anfragen von Jungunternehmern auf dem Tisch wie: Darf man mit einer Krypto-Währung eine Firma gründen? Gilt für meine Geschäftsidee das Versicherungsrecht?», sagt der Zuger Regierungsrat Michel. Oftmals fänden sich dafür pragmatische Lösungen, so akzeptiere der Kanton Zug etwa Kryptowährungen bei Firmengründungen - «nicht als Geld, aber als Sacheinlagen».

Eine der dringlichsten Aufgaben der Taskforce ist es laut deren Initianten, die Rahmenbedingungen für die Initial Coin Offerings zu definieren. Langfristig stellten sich auch Fragen etwa zu Anwendungen in der öffentlichen Verwaltung, zur Energieversorgung oder zur Gesundheit. Die Taskforce will zuhanden von Politik und Verwaltung Vorschläge erarbeiten. «Wir setzen so weit als möglich auf Selbstregulierung», sagt Michel: «So kann rascher und effizienter auf Veränderungen in diesem sehr dynamischen Geschäftsfeld reagiert werden.»

 

Artikel in NZZ vom 31.12.2017: https://nzzas.nzz.ch/schweiz/sie-wollen-die-spitzenposition-ausbauen-ld.1343715

Zurück